DiPubHealth: Diskurse zu Public Health-Themen. Akteure, Strategien, Formate

Laufzeit: 1.7.2021–31.10.2024
Fördermittelgeber: Bayer Stiftung

Kooperationspartner/innen:
•    Lehrstuhl für Technik und Gesellschaft der RWTH Aachen
•    Wissenschaft im Dialog (WiD)

 

Ziele des Projekts:

Wissenschaftskommunikation ist in der Gegenwart mit einer sehr komplexen Situation konfrontiert: Sie trifft auf stark ausdifferenzierte öffentliche Diskurse, die sich auf diverse Kanäle aufteilen und auf die zunehmende Fragmentierung und Polarisierung öffentlicher Meinungen. Es kann immer weniger von geteilten Auffassungen und übergreifend verständlichen Symbolen und Bildern in der Kommunikation ausgegangen werden.

Einer gezielten Wissenschaftskommunikation mangelt es häufig an Wissen über die spezifischen Bedingungen der kommunikativen Kontexte. Oft werden diese zu wenig reflektiert, sodass Kommunikationsaktivitäten scheitern. So werden etwa „neue” Akteur:innen übersehen oder die Tatsache ignoriert, dass es in Diskursen über Wissenschaft oft nicht allein um Wissensvermittlung geht, sondern Fragen von Macht, Status und gesellschaftlichem oder politischem Einfluss ebenfalls von Bedeutung sind.

Das Forschungsprojekt DiPubHealth verfolgte ausgehend davon zwei zentrale Ziele: Erstens, die öffentlichen Diskursdynamiken ausgewählter problemzentrierter gesellschaftlicher Debatten im Bereich Public Health wurden systematisch analysiert und genauer verstanden. Die Entwicklung einer Heuristik ermöglichte dabei eine systematische Analyse der Diskursdynamiken und ‑bedingungen.

Das hieraus generierte Wissen wurde zweitens dazu genutzt, fundierte Vorschläge für eine gezielte (Weiter-)Entwicklung von Formaten der Wissenschaftskommunikation zu erstellen. Diese wurden in unterschiedlichen partizipativen Formaten mit Akteuren aus der Gesundheitskommunikationspraxis erarbeitet, getestet und verbessert. Ein zentraler Aspekt war also eine forschungsbasierte Formatentwicklung, die mit der Analyse der Diskurse eng verknüpft ist.

Hierzu flossen die Expertisen der drei Projektpartner in dem Projekt zusammen:

Das KIT-Team verantwortete insbesondere die interdisziplinäre Forschung zu den kommunikativen Produkten, Prozessen und Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dabei lag der Fokus auf Akteur:innen (und ihren Organisationen), die in öffentlichen Diskursen sichtbar werden.

Wissenschaft im Dialog (WiD) brachte als Partner breite Erfahrung und Expertise für die praktische Umsetzung und Entwicklung der konkreten Kommunikationsaktivitäten und Wissenschaftskommunikationsformate ein. WiD befasste sich dabei mit Fragen der produktiven Kommunikation und mit Möglichkeiten, den geschilderten Herausforderungen kreativ zu begegnen.

Das Team der RWTH analysierte ausgehend von der zunehmenden Fragmentierung und Polarisierung öffentlicher Diskurse vor allem die Produktions- und Konstruktionsbedingungen von Wissen und befasste sich mit der Strukturierung diskursiver Felder. Zentral waren dabei Fragen danach, wie wissenschaftliches Wissen in öffentlichen Debatten konstruiert und verhandelt wird und wie sich Wissensordnungen in und durch die Diskurse figurieren, verschieben und verändern.

Wichtigste Ergebnisse des Projektes:

Das Projekt hat zum einen durch die Analyse unterschiedlicher Public-Health-Debatten (Feinstaubdiskurs, ‚Heinsberg-Studie‘, ‚Apps auf Rezept‘, Beginn der Coronapandemie) Einsichten über Dynamiken öffentlicher Gesundheitsdiskurse (siehe Veröffentlichungen) gewonnen. Zum anderen wurde das Wissen zu Diskursdynamiken genutzt, um das Konzept der „Diskurssensiblen Gesundheitskommunikation“ für die Gesundheitskommunikationspraxis zu konzipieren (s.u.). Das Konzept sieht vor, bei der Planung von Kommunikationsvorhaben die öffentlichen Debatten zum Thema zu sichten und sie als Kontext in der Kommunikation zu berücksichtigen. Entstanden sind ein Poster und eine Broschüre, die einen prägnanten Überblick über die verschiedenen Schritte der diskurssensiblen Gesundheitskommunikation bieten. 

Eine Diskurssichtung bietet etwa Erkenntnisse über die Inhalte von Kontroversen: Zu dem Thema kann Wissen fehlen oder unklar sein. Es kann Uneinigkeit über Handlungsoptionen oder Lösungsansätze herrschen. Oder es werden unter dem Deckmantel einer Diskussion über Wissen in Wirklichkeit Verhandlungen über Werte oder Interessen geführt. Durch die Diskurssichtung können Praktiker*innen ihre Kommunikationsvorhaben gezielt planen und Polarisierungen vorbereitet begegnen.
 

Broschüre und Poster Diskurssensible Gesundheitskommunikation
Broschüre (links) und Poster (rechts) zur Diskurssensiblen Gesundheitskommunikation 

Ausgesuchte Publikationen aus dem Projekt:

  • Informationsbroschüre: Jochum B., Dreyer I., Heintz T., Schulz A., Leßmöllmann A., Böschen S. (2024). „Diskurssensible Gesundheitskommunikation auf einen Blick“, Informationsbroschüre Projekt DiPubHealth, Berlin, Wissenschaft im Dialog.

  • Konzeptstudie: Dreyer, I., Schulz, A., Heintz, T., Jochum, B., Wigger, J., Leßmöllmann, A. & Böschen, S. (in prep.) „Die Informationskeule schwingen reicht nicht“ – Konzept und Werkzeugkasten für Diskurssensible Gesundheitskommunikation.

  • Sammelbandbeitrag: „Von der ,mysteriösen Lungenkrankheit‘ zur ,Corona-Epidemie‘ – Zur diskursiven Strukturierung gesellschaftlicher Gesundheitskrisen“ (Astrid Schulz). In: Martin Blessinger, Moritz Hillebrecht, Reiner Keller, Lena Schürmann, Georg Tiroch (Hrsg.): Deutungskonflikte. Empirische und methodologische Beiträge zur wissenssoziologischen Diskursforschung [im Erscheinen]

  • Artikel: „Im Maschinenraum von Diskursen: Zur diskursiven Herstellung sozio-epistemischer Ordnungen kollektiver Problembearbeitungen“, Astrid Schulz (RWTH), Thomas Heintz (KIT), Inga Dreyer (KIT), Julia Wigger (WiD), Babette Jochum (WiD), Annette Leßmöllmann (KIT), Stefan Böschen (RWTH) [eingereicht]

  • Sammelbandbeitrag: „Digitalisierung ist nicht gleich Transformation. Ein Vergleich zweier Infrastrukturierungsprojekte: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) und die elektronische Patientenakte (ePA)“, Anne Koppenburger, Stefan Böschen, Astrid Schulz. In: Kolja Tobias Heckes, Mariya Lork, Marcel Siegler, Kamil J. Wrona (Hrsg.): Soziotechnische Transformationen im Sozial- und Gesundheitswesen: kollaborativ, divers, barrierefrei und sozialräumlich, Beltz Juventa, 2025

  • Sammelbandbeitrag: „,Der Disput der Virologen‘. Narrativität in der journalistischen Berichterstattung anhand des Public-Health-Diskurses um die Heinsberg-Studie“, Thomas Heintz (KIT). In: Christian Hißnauer , Claudia Stockinger (Hrsg.): Narrativität und Medizin. Interdisziplinäre Zugänge, Transcript, 2025
Impressionen aus der Werkstatt Diskuessensible Gesundheitskommunikation
Impressionen aus der "Werkstatt Diskurssensible Gesundheitskommunikation"


Wichtige Formate des Projekts: 


Werkstatt „Diskurssensible Gesundheitskommunikation“

Wie kann diskurssensible Kommunikation zu kontroversen Gesundheitsthemen gelingen? In welchen Diskursen fehlt verständliches Wissen und wo gilt es, Vertrauen zu schaffen? Wie werden Bürger*innen ermächtigt, eigenständige und sinnvolle Gesundheitsentscheidungen zu treffen? 

Diesen Fragen widmete sich die Werkstatt „Diskurssensible Gesundheitskommunikation“ im März 2023 bei Wissenschaft im Dialog in Berlin. Beschäftigte der kommunalen Gesundheitsförderung und Prävention waren dazu eingeladen, gemeinsam über Diskurse im Gesundheitsbereich nachzudenken. 

Wer äußert sich zu dem Thema? Wer hat Einfluss auf die öffentliche Meinung? Wie sehr polarisiert das Thema? Anhand solcher Fragen übten die Teilnehmenden, Kriterien abzuleiten, um Themen und ihre öffentliche Verhandlung besser zu verstehen und die Informationsbedarfe besser einzuordnen. In einem nächsten Schritt ermittelten sie Merkmale, die eine diskurssensible Kommunikation zu diesem Thema beinhalten sollte. 

An dem ganztägigen Workshop nahmen Mitarbeitende aus dem Bereich der kommunalen Gesundheitskommunikation, Forschende und andere Interessierte aus ganz Deutschland teil. 

Einblicke in den Prototyping-Workshop in Berlin
Einblicke in den Prototyping-Workshop in Berlin 

Prototyping-Workshop 

Wie kann das Konzept der Diskurssensiblen Gesundheitskommunikation für die Praxis nutzbar gemacht werden? Beim Prototyping-Workshop trafen sich im Juni 2024 zum Abschluss des DiPubHealth-Projekts rund ein Dutzend Forschende, Kommunikator*innen und Praktiker*innen aus Gesundheitskommunikation in Berlin. Das Ziel: in einem kreativen, interaktiven Workshop Formate zu entwickeln, mit denen Diskurssensible Gesundheitskommunikation beispielsweise für den Alltag von Mitarbeitenden in Gesundheitsämtern aufbereitet und implementiert werden kann. 

Mit Legosteinen, Knete, Zeitschriften, Stiften und Papier konzipierten und bastelten die Teilnehmenden, um ihre Ideen lebendig werden zu lassen. Ziel war zu überlegen, mit welchen Formaten der Transfer von Forschung und Praxis in der Gesundheitskommunikation gelingen kann. Denn war bisher lediglich als Konzept und Forschungsergebnis existierte, sollten Mitarbeitende in Gesundheitsämtern in ihrer täglichen Kommunikationsarbeit nutzen können. 

Moderiert und konzipiert hat den Workshop die Innovationsberatung Innoki gemeinsam mit dem Team von DiPubHealth. Im ersten Schritt sammelten die Teilnehmenden Kanäle und Tools, die sie aktuell für den Forschung-Praxis-Transfer nutzen und benannten die mit den Kanälen und Tools verbundenen Vor- und Nachteile. 

Im zweiten Teil des Workshops probierten die Teilnehmenden das Konzept “Diskurssensible Gesundheitskommunikation” selbst aus, indem sie eine Vielzahl von „Diskursschnipseln“ zu Gesundheitsthemen wie “Apps auf Rezept” clusterten und sich darüber austauchten. Im Anschluss sammelten die Teilnehmenden Ideen dazu, wie sie das Konzept in konkrete Formate überführen könnten. 

Zu den Ideen gehörten: 

  • Für das Tool „Diskurs Transparency” analysiert in einem Team aus Forschenden und Mitarbeitenden von Gesundheitsämtern Diskurse und stellt die Analysen den Gesundheitsämtern online zur Verfügung.

  • Im „Diskurslabor” debattieren Bürger*innen und Stakeholder in einem Workshop zu Gesundheitsthemen, die gerade aktuell sind und tragen die Ergebnisse in die Gesundheitsämter.

  • Auf der “Plattform für Diskurssensible Gesundheitskommunikation” lassen sich Best-Practice-Beispiele und fertige Diskursanalysen finden und Kontakt zu dem dahinterstehenden nationalen Hub aus Forschenden aufnehmen.
  • Mit dem Virtual-Reality-Spiel „Tauche ein” können Spieler*innen einen Diskurs selbst erleben, indem sie auf einer virtuellen Deutschlandkarte auf Personas mit unterschiedlichen Ansichten zu Gesundheitsthemen treffen.

Erkenntnisse aus den Workshops

In der Zusammenarbeit mit Praktiker*innen aus der kommunalen Gesundheitskommunikation zeigte sich ein großer Bedarf nach evidenzbasierten Handreichungen und Hilfestellungen. Dabei muss der Transfer niedrigschwellig und zeitsparend gestaltet werden, da im Alltag von Praktiker*innen meist wenig Zeit ist, sich mit Forschungsergebnissen und Diskursüberblicken zu beschäftigen. Diese Ergebnisse könnten als Basis für ein weiteres Anschlussprojekt dienen, um die “Diskurssensible Gesundheitskommunikation” in die Praxis zu bringen.

DiPubHealth-Team
Links: Die drei am KIT beteiligten Forscher:innen v.l.n.r: Inga Dreyer, Annette Leßmöllmann, Thomas Heintz
Rechts: Zum Start des Projekts im Juli 2021 haben sich die beteiligten Forscher:innen von KIT, RWTH Aachen und Wissenschaft im Dialog auf Zoom getroffen.

 

 

Partner

Logo RWTH Aachen     Logo WiD

Förderer

Logo Bayer Foundation

Beteiligte Wissenschaftler:innen

Prof. Dr. Annette Leßmöllmann, wissenschaftliche Sprecherin des Projekts

Inga Dreyer, M.A.

Thomas Heintz